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Wer hat die Macht?

Ethische Perspektiven auf die Beziehung zwischen Berater*in und Klient*in – TEIL I

Sara Dallmann, Dezember 2020

„Wenn ich eine gewisse Art von Beziehung herstellen kann, dann wird der andere die Fähigkeit in sich selbst entdecken, diese Beziehung zu seiner Entfaltung zu nutzen, und Veränderung und persönliche Entwicklung finden statt“ (Rogers, 2014, S. 47). 

Die Bedeutsamkeit der Beziehung zwischen Berater*in und Klient*in ist unumstritten. Biestek hat bereits 1968 formuliert: „Die Beziehung ist der Leitweg für den ganzen Hilfsprozess“ (Biestek, 1968, S. 14). Auch Ergebnisse der Psychotherapieforschung belegen, dass 30 % bis 70 % der Wirkung von Psychotherapie auf unspezifische Wirkfaktoren zurückgehen, zu denen auch Beziehung zählt. Dabei stellt der Einfluss von Beziehung auf das Therapieergebnis den am besten gesicherten Wirkfaktor dar (vgl. Ryba, 2019, S. 151).

Folgt man den Online-Darstellungen vieler Beratungsanbieter*innen basiert das Vorgehen in Supervision und Coaching überwiegend auf nicht-direktiven Gesprächsformen und orientiert sich in der Mehrzahl an humanistisch geprägten Werten, die auf die Freiheit des Menschen, seine Selbstaktualisierungskompetenz und sein Entwicklungsbestreben abzielen. Immer wieder beziehen sich Berater*innen dabei z. B. auf die von Rogers aufgeführte Begegnungshaltung (Kongruenz, Wertschätzung, positive Zuwendung bzw. Empathie). 

Demnach müsste die Beziehung zwischen Berater*in und Klient*in eine Begegnung auf Augenhöhe darstellen. Aber ist sie das wirklich? 

In der Fachliteratur wird diese Frage kontrovers diskutiert. Dabei finden sich sowohl kritische Stimmen, die warnend auf Missverhältnisse in der Beziehung zwischen Berater*in und Klient*in aufmerksam machen, als auch Publikationen, die demgegenüber die wechselseitige Ergänzung bzw. Komplementarität zwischen Berater*in und Klient*in betonen. 

In diesem Beitrag wird ein Blick auf die Argumente der Vertreter*innen geworfen, die die Beziehung zwischen Berater*in und Klient*in problematisieren. Im TEIL II dieses Beitrages wird ein Gegenentwurf zu diesen Positionierungen vorgenommen. 

Die Macht der Berater*innen

Ganz im Gegensatz zu der Annahme, dass Beratung eine Beziehung auf Augenhöhe darstellt, vertritt Petzold entschieden die Position, dass die Beziehung zwischen Berater*in und Klient*in durch eine „strukturelle Machtkonstellation“ gekennzeichnet ist, „die berücksichtigt werden muss“ (Petzold, 2009, S. 17). Petzold identifiziert eine Vielzahl unterschiedlicher Machtformen, die Berater*innen (konkret Supervisoren) zukommen: Status-, Experten-, Deutungs-, Wissens-, Definitions- und Interventionsmacht (vgl. Petzold, 2005, S. 2, Petzold, 2009, S. 4). Weiter erklärt er: „In Psychotherapie und Supervision kann man „nicht nicht manipulieren. Jede Art von Intervention (verbaler wie auch nonverbaler) ist Einflussnahme und damit Manipulation, auch wenn sie nach bestem Wissen und Gewissen erfolgt“ (Petzold, 2007, S. 25). Neben der Ermittlung unterschiedlicher Machtformen übt Petzold in seinen Veröffentlichungen deutliche Kritik an Berater*innen, wenn er erklärt: „Supervisoren leugnen sogar oft die Faktizität dieser Macht mit Konzepten wie ‚Allparteilichkeit‘ oder ‚Abstinenz‘, ‚Neutralität‘, ‚Objektivität‘ (...)“ (Petzold, 2009, S. 18). 

Wie verhält es sich mit anderen Publikationen? 

Auch andere Autor*innen setzten sich kritisch – wenn auch weniger dezidiert – mit der Rolle der Berater*innen auseinander.

So beschäftigt sich beispielsweise Weber im Zusammenhang von Organisationsberatung mit dem Status von Beratungswissen am Markt. Dieser nehme Formen „säkularreligiösen Heilswissens“ an und werde durch „Lobpreisungen und Erfolgsgeschichten“ abgesichert (Weber, 2007, S. 72). Wenn nun dieses „Heilswissen“ Berater*innen zukommt und sie damit als Träger*innen eines exklusiven, identitätsstiftenden, ermöglichenden und produktiven Wissens auftreten, werden damit die bereits oben genannten Machtformen – Status-, Deutungs- und Wissensmacht – wirksam und bedeutsam für die Beziehung zwischen Berater*in und Klient*in. Durch die Mystifizierung des beraterischen Wissens kommen Berater*in und Klient*in spezifische Rollen zu, die durch Machtasymmetrien gekennzeichnet sind und eine dialogische Beziehung auf Augenhöhe verhindern. Van Ameln und Heintel (2016) bestätigen diese Perspektive, wenn sie darauf hinweisen, dass der Expertenstatus von Berater*innen in mikropolitischen Verhandlungen auch dazu genutzt werde, den Meinungen mancher Akteur*innen eine „privilegierte >Wahrheit<“ entgegenzusetzen, womit Berater*innen zu Wahrheitsbringer*innen glorifiziert werden (ebd, S. 246).

Schmidt-Lellek beschäftigt sich in einem seiner Beträge mit der Frage der Bedeutung von „Verstehen“ in Supervision und Coaching. U. a. rekurriert er auf eine Debatte zwischen den Philosophen Gadamer und Derrida. Dabei konfrontiert Derrida Gadamer mit der Frage: 

„Zwingt der Wille zu verstehen nicht den anderen, sich zu beugen, sich den Gedankenkonstruktionen anzupassen, die ich ihm auferlege und die – dadurch – an seiner Spezifität vorbeigehen? (...). Verstehe ich den anderen, wenn ich ihn verstehe?“ (Grondin, 2009, S. 107). 

Derridas Perspektive auf Verstehen beinhaltet einen übergriffigen Akt, den Schmidt-Lellek in der Beratungspraxis häufig bestätigt sieht, wenn Klient*innen Verstehensfolien auferlegt bzw. Diagnosen zugeschrieben werden (Schmidt-Lellek, 2011, S. 56). Auch Eidenschink warnt vor dem Stellen eindeutiger Diagnosen, standardisiertem Vorgehen, Techniken und Tools: „Damit aber behandelt man den Klienten nicht mehr wie ein lebendes System, sondern wie eine komplizierte fehlerhafte Maschine“ (Eidenschink, 2011, S. 44). So stellt auch nach Amann das eigene „Verstehen“ von Menschen oder Gruppen lediglich „zwar motivierte, aber immer auch kontingente Konstruktion“ dar (Amann, 2015, S. 448). 

Eine ergänzende ethische Perspektive dazu liefert Perko, die darauf aufmerksam macht, dass der Grundsatz, eine „echte“ bzw. authentische Beziehung anzubieten und einzugehen, das asymmetrische Machtverhältnis verdecke, das immer auch einen Teil des beraterischen Kontextes ausmacht. Dabei betont sie, dass auch dialogische Beratungsformen keinen gewalt- oder diskriminierungsfreien Raum darstellen: „Unreflektierte Machtbeziehungen begünstigen rechtliche, aber auch berufsethische Missstände, die weder mit einer ethischen Haltung noch mit Ethik zu tun haben“ (Perko, 2018, S. 113). 

 

Eine konstruktive Beratungsbeziehung – trotz Macht 

All diesen unterschiedlichen Perspektiven ist gemein, dass sie den Fokus auf Rollenspezifika der Berater*innen (und nur selten der Klient*innen) legen. Beratung wird damit als vermeintlich machtloser Ort demaskiert und empfindliche bzw. verletzbare Momente von Beratungsbeziehung als bedeutsam und zu berücksichtigen ermittelt. 

Gleichzeitig vereint alle aufgeführten Standpunkte der Konsens der Bedeutsamkeit von Reflexion der asymmetrischen Machtverhältnisse. So wird immer wieder auf die Gefahr eines unreflektierten Umgangs mit Rollenasymmetrien hingewiesen. Eine konstruktive Beratungsbeziehung ist damit in einem hohen Maße abhängig von dem reflektierten Bewusstsein der Berater*innen für Macht- bzw. Ohnmachtsformen, Antinomien, Polaritäten und daraus resultierendem sensiblem Umgang mit dem „Verstehen“ der*des anderen und damit verbundenen Interventionen. 

Folgende Fragen könnten in der Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Berater*in und Klient*in hilfreich sein: 

  • Welche machttheoretische Position vertrete ich? Welche Haltung habe ich zu meiner eigenen Status-, Expert*innen-, Deutungs-, Wissens-, Definitions- und/oder Interventionsmacht? Wie verhält bzw. wie verhalten sich diese zu Konzepten wie Abstinenz, Neutralität und Allparteilichkeit? 

  • Wie gehe ich als Berater*in mit Rollen- bzw. Machtasymmetrien zwischen mir und Klient*innen um? Welche Handlungen begünstigen und welche relativieren diese? 

  • Wo erlebe ich als Berater*in Formen der Mystifizierung beraterischen Wissens? 

  • Welche Haltung habe ich zu standardisierten Tools und Techniken? Was bedeutet „kontingente Konstruktion“ in meinem beraterischen Handeln? „Verstehe ich den anderen, wenn ich ihn verstehe? (s. o.)

Nach diesem ausschweifenden Blick auf die kritischen und mahnenden Stimmen stellt sich die berechtigte Frage: Was ist mit den anderen Publikationen? Denen, die die Beziehung zwischen Berater*in und Klient*in nicht als asymmetrisch, sondern vielmehr als wechselseitig und sich gegenseitig ergänzend verstehen? Dazu mehr im nächsten Beitrag „Wer hat die Macht? – TEIL II“.  

Sie sind interessiert an diesem Thema, wünschen sich mehr Informationen, können sich eine Fort- oder Weiterbildung in dem Bereich vorstellen oder wollen sich ganz einfach dazu austauschen und vernetzen? Schreiben Sie mir! Ich freue mich! 

Literatur

Amann, A. (2015). Der Prozess des Diagnostizierens – Wie untersuche ich eine Gruppe? In: C. Edding; K. Schattenhofer (Hrsg.), Handbuch. Alles über Gruppen. Theorie, Anwendung, Praxis (S. 416-448). Weinheim und Basel: Beltz Verlag. 

Biestek, F. (1968). Wesen und Grundsätze der helfenden Beziehung in der sozialen Einzelhilfe. Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag. 

Eidenschink, K. (2011). Jenseits von eindeutig wahr und gut! Zu den verborgenen Grundannahmen abendländischen Denkens und seiner Wirksamkeit im Alltag von Managern und Coaches. In C. Schmidt-Lellek, A. Schreyögg (Hrsg.), Philosophie, Ethik und Ideologie in Coaching und Supervision (S. 27-46). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Grondin, J. (2009). Hermeneutik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG.

Perko, G. (2018). Ethik in der Beratung mit Blick auf eine diskriminierungskritische Beratung. In H. Schulze, D. Höblich, M. Mayer (Hrsg.), Macht – Diversität – Ethik in der Beratung (S. 111-125). Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Petzold, H. (2005). Über die Unsensiblität von Supervisoren für die Historizität ihrer „Profession“ – Begriffliche Mythen und einige Fakten zu Herkommen und Hintergrund des Wortes „Supervision“ und Integrativer Perspektive. Supervision: Theorie – Praxis – Forschung. Eine Interdisziplinäre Internet-Zeitschrift. https://www.fpi-publikation.de/supervision/ [25.01.2021].

Petzold, H. (2007). Ethische Implikationen und Grundprinzipien in der Supervision und Psychotherapie – der Beitrag des Integrativen Ansatzes zur Praxeologie. Supervision: Theorie – Praxis – Forschung. Eine Interdisziplinäre Internet-Zeitschrift. https://www.fpi-publikation.de/supervision/ [25.01.2021].

Petzold, H. (2009). „Macht“, „Supervisorenmacht“ und „potentialorientiertes Engagement“. Supervision: Theorie – Praxis – Forschung. Eine Interdisziplinäre Internet-Zeitschrift. https://www.fpi-publikation.de/supervision/ [25.01.2021].

Rogers, C. R. (2014). Entwicklung der Persönlichkeit. Psychotherapie aus der Sicht des Therapeuten. Stuttgart: Klett-Cotta.

Ryba, A. (2019). Die Beziehung als Wirkfaktor. In A. Ryba, G. Roth (Hrsg.) Coaching und Beratung in der Praxis. Ein neurowissenschaftlich fundiertes Integrationsmodell (S. 148-190). Stuttgart: Klett-Cotta.

Schmidt-Lellek, C. (2011). Was heißt „Verstehen“ in Coaching und Supervision. Die Bedeutung der philosophischen Hermeneutik für beraterische Prozesse. In C. Schmidt-Lellek, A. Schreyögg (Hrsg.), Philosophie, Ethik und Ideologie in Coaching und Supervision (S. 47-57). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Van Ameln, F., Heintel, P. (2016). Macht in Organisationen. Denkwerkzeuge für Führung, Beratung und Change Management. Stuttgart: Schäffer-Poeschel. 

Weber, S. M. (2007). Mythos, Mode, Machtmodell. Konzepte der Organisationsberatung als pädagogisches Wissen am Markt. In M. Göhlich, E. König, C. Schwarzer (Hrsg.), Beratung, Macht und organisationales Lernen (S. 69-81). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.