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Sara schreibt.

Niemand ist nur das, was du siehst.

Autorenbild: Sara Dallmann
Sara Dallmann
27. Sept.
2 Min. Lesezeit

Als ich ihm das erste Mal begegnete, bin ich erschrocken. Mitten in der Innenstadt, auf dem Torgallmenningen in Bergen, sah ich ihn. Auf dem kalten Steinboden. Mit dem Rücken an der rauen Granitwand lehnend, die Füße nackt auf dem Asphalt. Sein Blick von mir abgewandt. So verwundbar sah er aus.


Ich schaue hoch und merke, dass ich vor Høyer stehe. Einem exklusiven Modegeschäft, in dem früher mal eine Bank beheimatet war.


Ich kenne ihn nicht. Was ihn hierhergebracht hat. Was ihn beschäftigt. Warum seine Hose so zerknittert ist. Wer er ist.


Binnen weniger Sekunden spult mein Kopf seine Themen ab. Diesmal: Fragen sozialer Ungleichheit, gesellschaftlicher Teilhabe, Kapitalismus sowie Verteilungsfragen. Und noch während meine Empörung sich den Weg bahnt, streifen meine Augen eine kleine, in das raue Kopfsteinpflaster eingelassene Steinplatte der Kirkens Bymisjon. Eingemeißelt die Worte


Ingen er bare det du ser. – Niemand ist nur das, was du siehst.


Plötzlich spüre ich die Kälte des Pflasters an meinen eigenen Füßen – vor Scham.


Das, was sich noch vor wenigen Sekunden so schlau und empathisch angefühlt hat. Kraftvoll und überzeugend. Meine messerscharfe Spätkapitalismuskritik. Wo ist sie hin? Ich vernehme einen faden Geschmack in meinem Mund. Schmeckt so Arroganz?


Da stehe ich. Die aufgeklärte und informierte Coachin. Die Humanistin. Die, die Kommoden nicht mag. Wegen der Schubläden. Natürlich nicht.


„Mennesket“ – „Der Mensch“. So hat ihn sein Künstler Arne Mæland genannt. – Hier in Bergen wird die Skulptur hingegen häufig als „Uteliggeren“ – „Der Obdachlose“ bezeichnet.


Wie oft schenke ich meinem ersten Eindruck Glauben? Sehe kluge, positionierte, wunderschöne, gesunde, selbstbewusste, zielstrebige und vermeintlich glückliche Menschen. Solche, die ich bewundere. Aber nicht den Preis, den sie in ihrem Leben zahlen mussten, die Hindernisse, Selbstzweifel, Erkrankungen, Ängste, Verletzungen und Konflikte.


Wie schnell passiert das Gegenteil? Wenn ich nicht idealisiere, sondern genauso spontan Menschen be- oder abwerte? Für ihre Unfreundlichkeit, Lautstärke, Unzuverlässigkeit, ihre Ambivalenzen? Ohne daran zu denken, wie sehr das Leben uns alle fordern kann. Manchmal bis zum Äußersten.


„Der Mensch" ist mir ein Korrektiv. Eine Erinnerung daran, dass wir alle nicht nur das sind, was unsere Augen voneinander sehen. Und eine Konfrontation mit wichtigen Fragen:


Was sehe ich in Menschen, die mir begegnen? Was entgeht mir, weil meine Augen allein es nicht zu fassen vermögen? Was möchte ich erfahren? – Und andersherum: Was sehen andere, wenn sie mich anschauen? Was ist das „Mehr", das ich auch bin? Was wünschte ich, was andere in mir sehen?


Diese Skulptur bedeutet mir viel. Manchmal gehe ich sie besuchen, bleibe kurz stehen und höre ihr zu.


Immer sagt sie das Gleiche:


Ingen er bare det du ser. – Niemand ist nur das, was du siehst.

Sara Dallmann läuft lächelnd durch die Natur.

Was ist das, was man nicht sieht, wenn man dich sieht? Welchen unsichtbaren Preis zahlst du gerade für das Bild, das andere von dir haben – und wo wünschst du dir den Raum, einfach ganz du selbst zu sein?

Wenn du dir auf deinem Weg eine feinfühlige und professionelle Begleitung wünschst, bin ich gerne für dich da. Lass uns deine Fragen im Life-Coaching oder Business-Coaching gemeinsam bewegen.

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