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Angst vor Konflikten: Warum wir uns selbst zensieren

  • Autorenbild: Sara Dallmann
    Sara Dallmann
  • 7. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 26 Minuten

Über Lügen aus Angst vor Konflikten, Anpassung und das Ideal von Harmonie


Frau sitzt auf dem Sofa und streicht ihre eigenen Notizen durch

 

Wenn du etwas sagst – und genau weißt, dass es nicht stimmt


„Ja, passt schon.“


Du hörst dich selbst diesen Satz sagen und weißt im selben Moment: Er stimmt nicht. Dein Körper ist schneller als dein Verstand. Ein kurzes Zusammenziehen im Brustraum, ein inneres Zurückweichen. Dann ist der Moment vorbei. Das Gespräch geht weiter, die Gelegenheit auch.


Was du gesagt hast, war nicht die Wahrheit.


Viele Menschen lügen aus Angst vor Konflikten. Meist geschieht das nicht geplant, laut oder manipulativ, sondern ganz im Gegenteil: ruhig, spontan angepasst und sozial verträglich. Du sagst etwas, das die Situation beruhigt – und lässt das weg, was eigentlich gesagt werden müsste.


Warum sich diese Lügen richtig anfühlen – und trotzdem einen hohen Preis haben


Der Begriff „Lügen“ trifft einen wunden Punkt. Viele spüren sofort Widerstand. Gleichzeitig beschreiben diese Worte ein inneres Erleben, das sonst schwer greifbar bleibt: Selbstzensur.


Diese Formen der Selbstzensur zeigen sich alltäglich:

  • du relativierst Ärger, bevor er hörbar wird

  • du stimmst zu, obwohl innerlich ein Nein da ist

  • du stellst deine eigene Wahrnehmung in Frage


Kurzfristig funktioniert das. Die Situation bleibt tatsächlich ruhig, niemand ist irritiert und du bleibst anschlussfähig. Langfristig entsteht etwas anderes: ein spürbarer Abstand zu dir selbst.


Angst vor Konflikten ist kein Charakterzug


Die Angst vor Konflikten ist kein persönliches Defizit. Sie entsteht in Beziehungskontexten, in denen Widerspruch früh mit dem Risiko von Verlust verknüpft war. Wer unter solchen Bedingungen sozialisiert wird, entwickelt Formen der Anpassung, die vor allem eines leisten: Verbindung sichern.


Anpassung, Beschwichtigung, Schweigen sind dabei keine Schwächen, sondern funktionale Beziehungsstrategien. Sie reduzieren soziale Gefährdung und werden so früh internalisiert, dass sie später nicht als Strategie erscheinen, sondern als vermeintliche Persönlichkeit.


Die Folgen zeigen sich zeitversetzt. Wo eigene Wahrnehmungen dauerhaft zurückgestellt werden, verliert innere Orientierung an Schärfe. Bedürfnisse werden leiser, Grenzen weniger eindeutig und das eigene Erleben schwerer zugänglich.

 

Das Ideal von Harmonie – und warum es vor allem Frauen betrifft


Harmonie gilt als Tugend. Als Zeichen von Reife, Empathie und sozialer Kompetenz. Die Erwartung ist jedoch ungleich verteilt: In patriarchalen Strukturen wird vor allem von FLINTA* erwartet, Spannungen auszugleichen, Beziehungen zu stabilisieren und Konflikte abzufedern. Damit dient Harmonie weniger dem Miteinander als der Aufrechterhaltung bestehender Machtverhältnisse – auf Kosten der eigenen Klarheit und Wahrheit.


Wer davon abweicht, zahlt oft einen Preis: Irritation, subtile Abwertung, das Gefühl, zu viel zu sein. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum so viele Frauen Lügen aus Angst vor Konflikten nutzen. Diese Lügen sind weniger ein moralisches Problem als eine Anpassungsleistung an eine Struktur, in der Ruhe und Harmonie höher bewertet werden als das eigene Erleben bzw. die eigene Wahrheit.


Woran du merkst, was Selbstzensur mit dir macht


Oft meldet sich zuerst der Körper:

  • Erschöpfung nach scheinbar harmlosen Gesprächen

  • Spannung im Körper, z. B. Kiefer, Nacken oder Bauch

  • flacher, angehaltener Atem

  • das Bedürfnis, dich nach sozialen Kontakten zurückzuziehen

 

Andere Anzeichen zeigen sich oft zeitversetzt:

  • Du gehst Gespräche innerlich nochmal durch und ärgerst dich über dich selbst.

  • Du merkst, dass du innerlich auf Abstand gehst, um dich zu regulieren.

  • Kleine Irritationen fühlen sich unverhältnismäßig groß an.


Nach außen läuft alles weiter, innerlich wiederum entsteht Distanz. Viele FLINTA* beschreiben genau hier eine Ambivalenz: Beziehungen sind da, aber wenig Nähe und Verbundenheit.


Konfliktfähigkeit beginnt nicht im Außen


Konfliktfähigkeit beginnt nicht mit dem Aussprechen, sondern mit innerer Präsenz. In dem Moment, in dem du wahrnimmst: Hier halte ich etwas zurück. Diese Wahrnehmung ernst zu nehmen, verändert bereits etwas. Nicht jeder Gedanke braucht ausgesprochene Worte, aber jede dauerhafte unterdrückte eigene Wahrheit hinterlässt Spuren in uns.

 

Kleine Impulse, die Spannungen lösen


Nimm wahr, dass du etwas zurückhältst. 

Mehr braucht es zunächst nicht. Diese innere Markierung ist bereits ein Akt von Selbstkontakt.


Formuliere deine Wahrheit zunächst für dich

… ohne sie zu relativeren (z. B. kannst du sie dir notieren)


Teile kleine Wahrheiten mit Menschen

… bei denen die Beziehung belastbar ist. Konfliktfähigkeit wächst da, wo Resonanz möglich ist.


Beobachte, an welchen Stellen Harmonie dich wirklich schützt 

… und wo sie dich unsichtbar macht. Diese Unterscheidung verändert innere Entscheidungen nachhaltig.


Achte darauf, wie du nach Konflikten mit dir umgehst. 

Selbstfürsorge und innere Stabilisierung sind entscheidend, damit Klarheit sich als etwas Sicheres abspeichern kann.


Suche dir Räume, in denen du nicht funktionieren musst. 

Ohne solche Erfahrungsräume bleibt Entwicklung brüchig und anstrengend.


Denk immer daran: Konfliktfähigkeit ist keine Charaktereigenschaft. 

Sie entsteht in Beziehungen, über Zeit, durch wiederholte Erfahrungen von Halt und Resonanz.

 

Zum Schluss


Wenn du dich in diesen Zeilen wiederfindest, geht es nicht um Bewertung im Sinne von richtig oder falsch. Es geht darum, herauszufinden, was du brauchst, um im Kontakt mit anderen bei dir selbst zu bleiben – gerade dort, wo es schwierig oder konflikthaft wird.


In meiner Arbeit als Coachin für Frauen begleite ich FLINTA* dabei, genau diese Übergänge zu klären: zwischen Anpassung und der eigenen Wahrheit bzw. zwischen Harmonie und dem Kontakt zu sich selbst.


Wenn du dieses Thema aus eigener Erfahrung kennst und es im Coaching vertiefen möchtest, freue ich mich über eine Nachricht im Kontaktformular.

 

Lesetipps & weiterführende Perspektiven


Wenn du Lust auf mehr hast: Die folgenden Bücher vertiefen unterschiedliche Ebenen der im Text beschriebenen Dynamiken.

Conflict Is Not Abuse – Sarah Schulman

Schulman analysiert die weitverbreitete Verwechslung von Konflikt und Gewalt und zeigt, wie Harmonie moralisch überhöht wird. Ein wichtiger Text, um zu verstehen, warum Konfliktvermeidung Beziehung, Verantwortung und Selbstkontakt untergraben kann.


Die Erschöpfung der Frauen – Franziska Schutzbach

Eine präzise Analyse weiblicher Anpassungsleistungen und emotionaler Arbeit. Sehr anschlussfähig an das Harmonie-Kapitel dieses Textes und die Frage, warum Selbstzensur langfristig müde macht.


Sprache und Sein – Kübra Gümüşay

Gümüşay zeigt, wie gesellschaftliche Bedingungen bestimmen, was sagbar ist – und wie Selbstzensur als Schutzreaktion entsteht, wenn Sprechen unsicher wird. Relevant für das Verständnis innerer Zurückhaltung auf sprachlicher und sozialer Ebene.


Hexen – Mona Chollet

Eine kulturhistorische Einordnung der Sanktionierung weiblicher Abweichung. Hilfreich, um Harmonieanforderungen und Konfliktvermeidung als historisch gewachsene Disziplinierungsmechanismen zu verstehen.


Unsichtbare Frauen – Caroline Criado-Perez

Anhand umfangreicher Daten zeigt Criado-Perez, wie weibliches Erleben strukturell unsichtbar gemacht wird. Ein wichtiges Fundament, um zu verstehen, warum eigene Wahrnehmung so häufig relativiert wird.


 
 

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