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Traurig, weil eine Freundschaft kaputt ist?

  • Autorenbild: Sara Dallmann
    Sara Dallmann
  • vor 11 Minuten
  • 5 Min. Lesezeit

Warum Freundschaften zerbrechen und was dir jetzt Orientierung geben kann


Frau steht in der Natur und schaut nachdenklich auf ihr Handy.

Offiziell ist alles gut. Ihr seid in Kontakt, schreibt euch, trefft euch gelegentlich, sprecht über Alltägliches. Und doch merkst du, das etwas nicht mehr stimmt. Du nimmst wahr, dass du bestimmte Dinge nicht mehr aussprichst, dass du zögerst, bevor du antwortest und dass du innerlich beginnst zu sortieren: was noch Platz hat in dieser Beziehung und was besser nicht.


Gleichzeitig gibt es keinen klaren Punkt, an dem du sagen könntest: Jetzt ist es passiert. Stattdessen zeigt sich eine scheinbar kleine Verschiebung, die du kaum benennen kannst, ohne sie sofort zu relativieren.


Du bist traurig, weil diese Freundschaft kaputtgeht und spürst bereits den Verlust, während du innerlich noch versuchst, ihn aufzuhalten. Diese Traurigkeit irritiert dich, weil sie sich nicht eindeutig verorten lässt und du beginnst, an deiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln: ob du überinterpretierst, dich vergaloppierst, zu empfindlich bist oder geduldiger sein müsstest – obwohl sich längst zeigt, dass hier etwas ins Wanken geraten ist, das sich nicht mehr einfach übergehen lässt. Aber was ist eigentlich passiert?


Warum Freundschaften zerbrechen – eine differenzierte Betrachtung


In der Forschung zu Freundschaften wird zunehmend deutlich, dass deren Stabilität weniger von persönlicher Loyalität oder emotionaler Tiefe abhängt als von zeitlicher und biografischer Passung – ein relationales Verständnis von Freundschaft, das Beziehungen nicht als stabile Einheiten, sondern als dynamischen Prozess begreift.


Freundschaften entstehen unter bestimmten Bedingungen und verändern sich, wenn diese sich verschieben.


Typische Faktoren, die zum Kippen von Freundschaften beitragen, sind:


  • Asynchrone Entwicklung

Lebensentwürfe, politische Haltungen, berufliche Kontexte, innere Auseinandersetzung oder Formen von Care-Verantwortung entwickeln sich in Freundschaften nicht immer parallel. Gemeinsame Bezugspunkte können dann an Selbstverständlichkeit verlieren und das, was früher verbindend wirkte, zunehmend erklärungsbedürftig werden.


  • Ungleich verteilte emotionale Arbeit

Aufmerksamkeit, Zuhören, Mitdenken, Erinnern, Regulieren gelten in der sozialwissenschaftlichen Forschung als Formen emotionaler Arbeit – also als Leistungen, die Beziehungen stabilisieren, ohne immer sichtbar oder gleich verteilt zu sein. Ungleich verteilte emotionale Arbeit bleibt in Freundschaften selten ohne Folgen.


  • Unausgesprochene Grenzverschiebung

Wenn Bedürfnisse sich verändern und diese nicht artikuliert werden, wird Nähe nicht offen neu ausgehandelt, sondern intuitiv angepasst, wodurch die Beziehung äußerlich stabil bleibt, innerlich jedoch an Gegenseitigkeit verliert.


  • Strukturelle Belastungen

Zeitknappheit, prekäre Arbeitsbedingungen und mentale Überlastung wirken sich nicht nur individuell, sondern relational aus, indem sie Verfügbarkeit, Präsenz und emotionale Resonanz begrenzen – Freundschaften sind davon nicht ausgenommen.


Diese Prozesse verlaufen selten im Rahmen eines expliziten Konflikts. Im Gegenteil: Gerade Freundschaften zerbrechen oft ohne Streit, weil Irritationen als nicht legitim betrachtet werden oder weil der Wunsch nach Harmonie schwerer wiegt als der nach Klärung.


Was Traurigkeit hier anzeigt


Die Traurigkeit, die du erlebst, während eine Freundschaft kaputtgeht, ist keine Reaktion auf ein abgeschlossenes Ereignis, sondern auf eine antizipierte Verlusterfahrung. In der Psychologie wird dieser Zustand als ambivalente Trauer beschrieben: eine Form des Trauererlebens, die einsetzt, bevor ein Verlust sozial oder biografisch eindeutig markiert ist, und die deshalb besonders anfällig für Selbstzweifel und Relativierung ist.


Diese Form der Trauer ist besonders schwer auszuhalten, weil:

  • sie keinen klaren Anlass hat,

  • sie keinen Abschluss kennt,

  • sie keine soziale Anerkennung erhält

  • und sie häufig mit Selbstzweifeln einhergeht.


Statt die Beziehungssituation zu problematisieren, wird die eigene Wahrnehmung in Frage gestellt. Viele FLINTA* reagieren darauf mit Selbstdisziplinierung: geduldiger sein, weniger erwarten, mehr verstehen. Was dabei übersehen wird: Traurigkeit ist hier kein Zeichen mangelnder Resilienz, sondern ein Hinweis auf Beziehungskompetenz und Wahrnehmungsfähigkeit.

 

Harmonie, Anpassung und die politische Dimension von Freundschaften


Freundschaften sind keine machtfreien Räume, sondern eingebettet in gesellschaftliche Normen darüber, wer Beziehungspflege übernimmt, wessen Bedürfnisse Priorität haben und wer für emotionale Ausgleichsarbeit zuständig ist – eine Perspektive, die insbesondere in feministischer Beziehungs- und Care-Forschung herausgearbeitet wurde.


Insbesondere FLINTA* werden früh sozialisiert darin,

  • Spannungen wahrzunehmen, bevor sie offen werden,

  • Verantwortung für die Beziehungsatmosphären zu übernehmen,

  • eigene Irritationen zugunsten von Stabilität zurückzustellen.


Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass Freundschaften oft nicht an offenen Konflikten scheitern, sondern an chronischer Selbstzurücknahme. Die Beziehung bleibt bestehen, aber der innere Kontakt zur eigenen Wahrnehmung wird schwächer.


Das Kippen einer Freundschaft ist dann häufig ein Signal dafür, dass die eigene Anpassung eine Grenze erreicht hat.


Was jetzt sinnvoll sein kann


Wenn eine Freundschaft zerbricht, während sie formal noch besteht, geht es nicht darum, sie möglichst schnell zu retten, sondern darum, den eigenen relationalen Standort zu verstehen, bevor Entscheidungen getroffen werden. Die folgenden Empfehlungen zielen genau darauf ab.

1. Ordne deine Traurigkeit ein, statt sie zu regulieren

Aus psychologischer Sicht ist Traurigkeit in diesem Kontext keine Dysregulation, sondern eine kohärente Reaktion auf Beziehungserleben. Statt sie zu dämpfen oder zu relativieren, kann es hilfreich sein, sie als Informationsquelle ernst zu nehmen:


💡Was genau wird hier innerlich betrauert – die Person, die Beziehung oder die eigene Position darin?


Diese Unterscheidung verändert deine Bewertung der Situation.

2. Geh nicht vorschnell in Klärung, wenn dir Orientierung fehlt

Der Impuls, Gespräche zu suchen, entsteht oft aus eigener innerer Unruhe. Forschung zu Beziehungskonflikten zeigt jedoch, dass Klärung dann hilfreich ist, wenn innere Orientierung bereits vorhanden ist – nicht, wenn sie erst hergestellt werden soll. Eine sinnvolle Zwischenfrage lautet deshalb:


💡Geht es mir gerade um Beziehung oder um Selbststabilisierung?


Selbstverständlich ist beides legitim, aber nicht gleichzeitig leistbar.

3. Setz dich mit deiner eigenen Anpassungsleistung in der Freundschaft auseinander

Bevor du entscheidest, wie es aus deiner Perspektive mit der Freundschaft weitergehen soll, lohnt es sich, nüchtern zu betrachten: welche Beziehungsarbeit du aktuell leistest:


💡Was halte ich zurück?

💡Was reguliere ich für die Beziehung?

💡Wo passe ich mich an, ohne dass es verhandelt wird?


Diese Bestandsaufnahme dient nicht der Überführung in Vorwürfe, sondern stellt eine analytische Grundlage dar.

4. Unterscheide Geduld von Selbstverleugnung

Geduld wird hoch bewertet – besonders bei uns FLINTA*. Wissenschaftlich betrachtet ist Geduld aber nur dann eine Ressource, wenn sie nicht gegen die eigene Wahrnehmung gerichtet ist. Ein hilfreicher Prüfstein:


💡Erweitert diese Geduld meine Handlungsspielräume – oder verengt sie sie?


Wenn deine Geduld primär dazu dient, innere Irritationen ruhigzustellen, ist sie eher Anpassungsleistung als Beziehungsfähigkeit.

5. Betrachte die Freundschaft nicht isoliert, sondern in ihrem Kontext

Statt dich ausschließlich auf die Beziehung zu fokussieren, kann es entlasten, den relationalen Kontext mitzudenken – sowohl deine eigenen Belastungen als auch die der anderen Person, ohne daraus vorschnell Verantwortung oder Anpassung abzuleiten.


Die Frage ist nicht, wer es gerade schwerer hat, sondern welche Bedingungen diese Freundschaft aktuell tragen (und welche nicht).


💡Was ist gerade insgesamt (zu) viel – und was davon trägt diese Freundschaft mit?

6. Bewerte deine innere Klarheit für wichtiger als sofortige Entscheidungen

Nicht jede Beziehungskrise verlangt nach sofortiger Entscheidung. Was jedoch hilfreich ist, ist eine innere Klärung der eigenen Position:


💡Was brauche ich, um mich in dieser Beziehung nicht weiter zu verlieren?


Manche Freundschaften finden aus solchen Phasen heraus neu zueinander, andere verändern ihre Form. Beides ist kein Scheitern, sondern Ausdruck relationaler Dynamik.

7. Suche dir Begleitung, wenn sich Muster wiederholen

Vielleicht hast du während des Lesens an eine konkrete Freundschaft gedacht oder an ein Muster, das dir vertraut vorkommt. Professionelle Begleitung ist nicht nur dann sinnvoll, wenn sich Beziehungsmuster wiederholen. Auch eine einzelne Freundschaftssituation kann Anlass sein, innezuhalten – insbesondere dann, wenn Traurigkeit, Unsicherheit und Zweifel an der eigenen Wahrnehmung viel Raum einnehmen.


Coaching kann hier einen analytischen Raum bieten, um das eigene Beziehungserleben zu sortieren und den eigenen Standort klarer zu verstehen.


Ich begleite FLINTA* dabei, ihre Beziehungssituation und -muster zu reflektieren, ohne sie vorschnell zu bewerten. Wenn du Interesse hast, schau dir gerne meine Angebote an oder schreib mir über das Kontaktformular. Ich freue mich!


Lesetipps & weiterführende Perspektiven


Hier kommen noch ein paar Buchempfehlungen zu dem Thema:

Leoni Linek – Freundschaft als Sehnsuchtsort – Was Menschen im neuen Mittelschichtsmilieu in ihren Freundschaften suchen

Eine empirisch-theoretische Untersuchung darüber, was Menschen in modernen Gesellschaften in und durch Freundschaften suchen – und wie sich Beziehungen im sozialen Wandel verändern.

 

Andreas Reckwitz – Verlust – Ein Grundproblem der Moderne

Eine philosophisch-soziologische Auseinandersetzung mit dem Thema Verlust im 21. Jahrhundert – wie moderne Gesellschaften mit Zerfall, Abschied und Umbrüchen umgehen und warum Verluste (nicht nur zwischenmenschliche) so zentral für Individuen sind. 

 

Jeannine Teichert – Digital occupants – Wie digitale Medien die kommunikative Aushandlung von Freundschaften verändern

Eine präzise Analyse, wie digitale Medien Freundschaften verändern. Ein Buch über ständige Erreichbarkeit, unausgesprochene Erwartungen und die Arbeit, die Beziehung heute macht.


 
 

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